Das erste Dokument (ungekürzt)

DOK 01

Werwolf

In einer internen Besprechung am 16 September 1944  verlangte Heinrich Himmler[1] von Ernst Kaltenbrunner (Chef der Sicherheitspolizei) die Anerkennung, dass er (Himmler) die Organisation und Führung einer zu gründenden Widerstandsbewegung übernehmen würde. Bereits drei Tage später beauftragte Himmler den SS-Obergruppenführer Hans-Adolf Prützmann[2], kleine Spezialkommandos aufzubauen, die hinter der Front Sabotageakte verüben sollten. Den Namen ‚Werwolf‘ nannte Himmler erstmalig in einer Rede am 28. Oktober:

„Jeder Häuserblock einer Stadt, jedes Gehöft, jedes Dorf wird von Männern, Knaben und Greisen und … von Frauen und Mädchen verteidigt. Und wie Werwölfe werden todesmutige Freiwillige dem Feind seine Lebensadern abschneiden.“

Es ist unbestritten, dass in den letzten Kriegsmonaten zahlreiche Werwolf-Gruppen aufgestellt, ausgebildet und ausgerüstet wurden. Über die Anzahl der überwiegend jugendlichen ‚Werwölfe‘ – meist unter SS-Führung – gibt es keine zuverlässigen Zahlen.

Quellen berichten nichts über Angriffe auf militärische Ziele durch die NS-Organisation ‚Werwolf‘, wohl aber von Morden an deutschen Zivilisten[3].

Die NS-Propaganda nutzte jede Möglichkeit aus, um den Anschein einer bestehenden, gut ausgerüsteten Partisanenarmee, zu ‚beweisen‘. Am

1. April 1945   (Ostersonntag) ging der von Joseph Goebbels gegründete Sender „Werwolf“ erstmals auf Sendung:

„Der Werwolf ist eine Organisation aus dem Geist des Nationalsozialismus. Er hat seine eigene Gerichtsbarkeit. Jeder Bolschewiki, jeder Engländer und Amerikaner, der auf deutschem Boden steht, ist Freiwild unserer Bewegung. Wir nehmen auf eine veraltete Vorstellung einer so genannten bürgerlichen Kampfführung keine Rücksicht. Hass ist unser Gebot und Rache unser Feldgeschrei.“

In den folgenden Tagen pünktlich ab 19 Uhr sendete der ‚Freiheitssender Werwolf‘:

(Musik) „Hier spricht der Sender Werwolf, der Sender der deutschen Freiheitsbewegung in den vom Feind besetzten Gebieten.“

Es folgten – immer wieder durch Volks- und Marschmusik unterbrochene – „Kampf-Nachrichten“ über angebliche oder tatsächliche Attentate. Dominiert wurden die Sendungen jedoch von den Aufrufen an „Männer und Frauen, Jungen und Mädchen in den vom Feind besetzten Ost- und Westgebieten“, sich an den Kampf gegen die Besatzer zu beteiligen.

 

Kein Wunder, dass bei dieser Propaganda die Besatzungsmächte nach ‚Werwölfen‘ fahndeten. Doch der Nachrichtendienst des alliierten Hauptquartiers SHAEF (Supreme Headquarters, Allied Expeditionary Force) kam schon am 12. April 1945 zu einer beruhigenden Analyse: Die deutsche Bevölkerung sei verzweifelt kriegsmüde und ein breit gefächerter Widerstand sei äußerst unwahrscheinlich. Außerdem gab es keinen einzigen nennenswerten Sabotageakt gegen die angloamerikanischen Truppen.

(Quelle: Volker Koop: „Himmlers letztes Aufgebot“ Böhlau Verlag 2008)

Es ist unwahrscheinlich, dass die sowjetische Geheimpolizei nicht umfassend über das reale Gefahrenpotential des ‚Werwolf‘ informiert war. Doch sie reagierte mit äußerster Härte – mit tschekistischen Maßnahmen  – auf diese scheinbare Bedrohung. In der sowjetisch besetzten Zone begann eine Hetzjagd auf wirkliche und angebliche ‚Werwölfe‘.

Die Tscheka („Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage“) wurde 1917 als „bewaffneter Arm der Diktatur des Proletariats“ auf Anweisung Lenins gegründet, ab Februar 1922 unter dem Namen ‚GPU‘ und später ‚NKWD‘ weitergeführt.

In der Sowjetischen Besatzungszone leitete seit Mai 1945 Iwan Alexandrowitsch Serow die NKWD-Sektion und war innerhalb der ‚Sowjetischen Militäradministration‘ (SMAD) auch für Sicherheitsfragen zuständig. Schon 1939 wurde er von der NKWD übernommen und machte schnell Karriere mit ‚Säuberungen‘, Deportationen und der Eliminierung der polnischen Heimatarmee (insbesondere bekannt durch den Warschauer Aufstand 1944). Er wurde zum Generaloberst befördert und ihm wurde 1945 der Orden ‚Held der Sowjetunion‘ verliehen.

Serow berichtete nach Moskau von Tausenden festgenommenen Werwölfen. Dabei waren insbesondere ehemalige Hitlerjungen verdächtig und wurden bis Mitte 1946 ohne Urteil ‚interniert‘, später Verhaftete von Sowjetischen Militärtribunalen (SMT) verurteilt, die um 2002 von der ‚Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation‘ insgesamt als rechtswidrig aufgehoben und die Verurteilten rehabilitiert wurden.

Die ‚tschekistischen‘ Maßnahmen Serows spiegeln sich auch in der Statistik wider. Angaben über die von einem sowjetischen Militärtribunal (SMT) Verurteilten nach Alter zeigen das deutlich:

Der Anteil verurteilter Jugendlicher liegt mit 25,2 Prozent deutlich über den anderer Altersstufen. Die etwas älteren Jahrgänge ergänzen mit 13,6 und die jüngeren mit 4,3 Prozent das Bild.

 

 

Jahrgang

 

 

Anzahl

 Anteil     in %

 Anzahl     Frauen

Anzahl Männer

1880    

 

 

69

0,3

1

68

1881 - 1890

 

 

1 060

4,2

50

1 010

1891 - 1900

 

 

3 715

14,7

146

3 469

1901 - 1905

 

 

2 565

10,1

190

2 375

1906 - 1910

 

 

2 549

10,1

238

2 311

1911 - 1915

 

 

2 139

8,5

273

1 866

1916 - 1920

 

 

2 111

8,3

372

1 739

1921 - 1925

 

 

3 446

13,6

689

2 757

1926 - 1930

 

 

6 383

25,2

623

5 760

  1931 -

 

 

1 093

4,3

110

983

 

Quelle: Sowjetische Militärtribunale Band 2: Die Verurteilung deutscher Zivilisten 1945-1955

Herausgegeben von Andreas Hilger, Mike Schmeitzner, Ute Schmidt – Böhlau 2003

 

 

 

[1] Seit 1944 war Heinrich Himmler Reichsführer SS, Chef der Deutschen Polizei, Reichsinnenminister und Befehlshaber des Ersatzheeres.

[2] Hans-Adolf Prützmann hatte sich als Generalleutnant der Polizei besonders 1941 bis 1944 ‚bewährt‘, als er sich in Russland und der Ukraine führend an der Vernichtungspolitik gegen Juden beteiligte.

[3] Bekannt ist der Mord an Franz Oppenhoff am 25. März 1945, der von den Amerikanern als Aachener Oberbürgermeister eingesetzt wurde. Die Tat wurde allerdings nicht von ‚Werwölfen‘ sondern von einem SS-Spezialkommando ausgeführt.

Dokumentiert ist auch die so genannte „Penzberger Mordnacht“, in der am 28. April 1945 sechzehn Zivilisten kurz vor dem Einmarsch der amerikanischen und französischen Streitkräfte durch die deutsche Wehrmacht (unter Regimentskommandeur Oberstleutnant Berthold Ohm) und der Werwolf-Gruppe ‚Hans‘ (Gruppenführer Hans Zöberlein) erschossen bzw. erhängt wurden.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Harald Beer