Leseproben

 

Eigentlich könnte ich jedes einzelne Kapitel hier vollständig als Leseprobe anbieten. Aber Leseproben sollen ja  nur den Schreibstil vorstellen, zeigen, dass es sich um einen lesbaren, romanhaften Stil handelt. Deshalb hier ein paar Auszüge vom Anfang, der Mitte und dem Ende des Buchs:

 

Aus Kap. 1

Er rutscht von der Pritsche. Zwei Schritte zur stählernen Kellertür. Er klopft:

„Ich muss mal!“

Nichts.

Er klopft und klopft. Dann trommelt er und schreit:

„Ich muss mal! Verdammt noch mal, soll ich mir in die Hosen pinkeln?“

Draußen bleibt es ruhig.

Er ist ratlos, schaut zum Fenster. Drei Schritte, den Fensterriegel drehen, vorsichtig öffnen.

„Verdammt, festgefroren!“

Mehr Druck, es knirscht, dann Knacken und das Fenster ist offen. Jetzt kann er sich endlich erleichtern. Er zielt zwischen Fenster und Blende.

Er merkt nicht, wie es unter der Blende heraus auf den Hof fließt. Er sieht nicht die beiden Posten, die in der klirrenden Kälte vor der wärmenden Kokstonne sitzen, um das Gefängnis zu bewachen.

Fluchend stürzen sich zwei Soldaten in den Keller:

„Job twoju matj!“

 

Die Brehmestraße war für abenteuerliche Entdeckungen wie geschaffen. Wie sah der erste Hinterhof der Nebenhäuser aus? Wie der zweite? Und manchmal gab es noch einen dritten. Fast sicher konnte ich sein, einen Leierkastenmann zu treffen, der im Hof die Orgel drehte, die schauerliche Moritat von dem tugendhaften Sabinchen besang, das von dem bösen Schuh-macher aus Treuenbrietzen ermordet wurde. Ich sah zu, wenn aus dem einen oder anderem Fenster ein paar in Zeitungspapier gewickelte Münzen in den Hof fielen.

Oft begleitete ich den Leierkastenmann von einem Hof zum anderen. Er sang nicht nur von Sabinchen. Besonders gern hörte ich ihn von Bolle singen:

 „Zu Pfingsten reiste Bolle,

in Pankow war sein Ziel.

Da verlor er seine Olle,

janz plötzlich im Jewühl.

’Ne volle halbe Stunde

hat er nach ihr jespürt.

Aber dennoch hat sich Bolle

janz köstlich amüsiert.“

Auch den Scherenschleifer traf ich oft, manchmal sogar den Leinölverkäufer.

 

Aus Kap. 3

Stolz nahm ich mein Jungvolk-Abzeichen entgegen (Mami musste es zuhause nur noch annähen), legte mir das schwarze Tuch mit dem dunkelbraunen, geflochtenen Lederknoten um den Hals. Jetzt endlich war ich ein richtiger Junge, ein Pimpf.

Es war schon dunkel, als ich und zwei Freunde nach Hause gingen.

„Jetzt, wo wir Pimpfe sind, müssen wir die Friedenspfeife rauchen!“

Ich zog die Packung ‚Güldenring’ aus der Tasche, zeigte sie stolz den Anderen. Im Dunkel entdeckte ich eine Bank – der richtige Platz für die ‚Friedenpfeife’.

„Nein, nicht da“, schrie Piper, „das sind doch Judenbänke!“

Er hatte Recht. Die gelb gestrichene Bank mit dem sechszackigen Stern war nicht der richtige Platz für Pimpfe. Wir setzten uns ins Gras und schon bald ging die Zigarette von Mund zu Mund.  Jeder der einen Zug nahm, stand auf und sprach zu Manitou, dem großen Geist der Indianer.

Jetzt gehörte auch ich zu der Gemeinschaft der deutschen Jungen, wie sie sich unser Führer wünschte: ‚Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder, flink wie die Windhunde‘.

 

Aus Kap. 6

Ich fand einen Grenzführer, zahlte ihm schweren Herzens hundert Reichmark und war damit nahezu pleite. In der Gruppe – etwa achtzig Männern, Frauen und Kindern – marschierte ich im Straßengraben Richtung Grenze. Dann ging es bergauf in den Wald. Eine Stunde später verabschiedete sich unser Führer:

„Ihr seid jetzt in der Ostzone, müsst nur noch geradeaus weitergehen.“

Ich marschierte den Waldrand entlang, kam auf einen Weg, der in eine asphaltierte Straße mündete. Rechts tauchte ein Haus auf, ein zweites und drittes.

„Still, leise!“ In der Haustür stand ein Mann. Mein Marschtritt hatte ihn aus dem Haus gelockt.

„Es ist Sperrstunde“, erklärte er mir flüsternd.

 

 

Aus Kap. 9

Am zweiten Weihnachtsfeiertag kommt Horst auf ein Bier vorbei. Harald ist nachdenklich:

„Horst, sag mal. Ich war in der Hitlerjugend, aufgewachsen in einem militärischen Internat. War ich ein Nazi?“

„Selbst, wenn du ein Nazi gewesen wärst, hättest du doch mit über drei Jahren Sachsenhausen genug gebüßt.“

„Quatsch, du kapierst nicht. Ich habe dort nur etwas am eigenen Leib erlebt, das vor mir – und viel schlimmer – Millionen Anderer erleiden mussten.“

„Aber du hast doch niemandem etwas getan. Du bist doch kein Täter!“

Harald nickt nachdenklich, dann lächelt er:

„Du hast Recht, ich war kein Täter.“

Horst schweigt, er kann nicht verstehen, was Harald meint. Wie im Selbstgespräch versucht der zu erklären:

„Ich beschuldige mich nicht für etwas, was ich getan habe; ich schäme mich für das, was ich nicht getan habe. Ich war alt genug, um die ganze Scheiße des Naziregimes mit Mord und Krieg zu erkennen? Ich verachtete die Nazibonzen. Und die Folge? Ich tat nichts, ich war kein Täter, nur Zuschauer“

„Das ist doch Quatsch!“

„Mag sein.“

„Wenn du damals Widerstand geleistet hättest, würdest du heute nicht mehr leben. Denk doch an ‚Die weiße Rose‘, an Sophie Scholl.“

„Aber ich war bereit für ‚Führer Volk und Vaterland‘ noch 1945 in den Krieg zu ziehen, mein Leben zu riskieren.“

 

 

Falls Sie sich intensiver mit Geschichte dieser Zeit befassen, sind die Dokumente im Anhang vermutlich für Sie interessant. Ein Dokument stelle ich Ihnen vor. Klicken Sie links!

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© Harald Beer