Hamburger Abendblatt, 07.06.2016

Von Katharina Gessler

Dabei war Beer erst 17 Jahre alt, als der Nazi­Spuk zu Ende ging. Heute schreibt er: "Ich beschuldige mich nicht für etwas, was ich getan habe, aber ich schäme mich für das, was ich nicht getan habe!" ...

"Ich war ein Wegschauer. Ich verdrängte das aufkeimende Erkennen der Unmenschlichkeit. Ich rebellierte nicht." Aber war er auch ein Nazi? Harald Beer sagt: "Ich war einer der Mitschuldigen. Meine damalige Jugend, die Gnade der späten Geburt, ist keine Entschuldigung – nur eine Ausrede." ...

Ein jeder  ... soll sich bewusst machen, dass er immer und jederzeit Verantwortung trägt für das, was um ihn herum geschieht: Weggucken ist nicht! Wer das tut, muss sich irgendwann fragen lassen, warum er nichts unternommen hat – zum Beispiel gegen rechte Populisten oder um den Menschen zu helfen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, in der Hoffnung, dass sie hier ein menschenwürdiges Dasein führen können.

 

 

Leipziger Internetzeitung 7. Juni 2016

von Ralf Juhnke

 

 Es klingt wie eine Selbstbezichtigung, wenn Harald Beer schreibt: „Auch ich war ein Nazi“. Ehrlich? Von echten Nazis hat man dergleichen nie gehört. Die tun immer nur so, als wären sie brave, ach so besorgte Bürger, haben nur Befehle erfüllt und haben ansonsten nichts gewusst. Echte Nazis sind Wahrheitsverweigerer. Aber dem 1928 geborenen Harald Beer geht es um etwas völlig anderes.

Wie hatte er als Kind Adolf Hitler so begeistert zujubeln können? Wie hatte er sich am Ende noch freiwillig für den Kriegseinsatz melden können? Und: Hatte er nicht gewusst, was die Nazis anrichteten? ...

Und das ist der Punkt, an dem er immer wieder betont „Auch ich war ein Nazi“. Denn ihre Macht gewannen die Nationalsozialisten ja genau aus dem Schweigen und der Mittäterschaft der Millionen, die sich nicht wehrten. Obwohl sie mit anschauten, wie die Juden entrechtet und am Ende ermordet wurden. ...

Beer kann also vergleichen, erst recht, als er nach seiner Freilassung 1951 in Westberlin versucht, seine Orientierung zu finden, und dabei merkt, dass die alten Nazis schon längst wieder Furore machen, in Ämter kommen, Ministerposten besetzen und Ferienlager veranstalten. Am Ende hat er wieder einen Stiefel im Gesicht. ...

Und das ist ein Appell an unsere Zeit. Hier geht es um unseren Umgang mit den wieder auftrumpfenden Scharfmachern, die schon längst wieder die Entrechtung von Menschen propagieren. Sie haben sichtlich nichts aus den Tragödien des 20. Jahrhunderts gelernt. Aber ob gerade die den Mumm haben, dieses Buch zu lesen und was draus zu lernen, kann man wohl bezweifeln

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© Harald Beer