Vorwort Dr. Dr. Ulrike Poppe

Beauftragte des Landes Brandenburg

zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur

 

Er war noch nicht volljährig, als der Krieg verloren und der Nazi-Spuk zu Ende war. Der Autor erzählt aus der Sicht des Kindes, das im „Dritten Reich“ aufwuchs. Da gab es den über alles geliebten Bruder Heini, der 1943 über der Atlantikküste abgeschossen wurde, den Vater, der als Major der Wehrmacht 1940 in Belgien fiel, die warmherzige Tante Irma, bei der jeder Tag wie ein Sonntag war, den Onkel Heinz, der nach Kriegsende schnell sein braunes Hemd auszog und sein goldenes Parteiabzeichen „verscherbelte“ und seine Mutter, die wenig Anteil zu nehmen schien am Schicksal ihres Jungen. Harald Beer trug die Kinder-SA-Uniform, dann die des Pimpfes, danach war er Hitlerjunge und verlebte wichtige Jahre seiner Jugend im Großen Militärwaisenhaus Potsdam. Er jubelte den Nationalsozialisten zu wie alle in seiner Umgebung und war 1945 noch bereit, für Führer, Volk und Vaterland zu sterben. Welch grauenhafte Verbrechen die Nazi-Diktatur verübt hatte, begann er erst später zu erahnen, als er die Filmaufnahmen von den befreiten Konzentrationslagern und von den Nürnberger Prozessen in den Wochenschauen sah. 

Wirklich begreifen konnte er das fürchterliche Leid der Verfolgten des Nazi-Regimes aber erst, als er selbst Opfer wurde, Opfer des stalinistischen Terrors. Die Rahmenhandlung der Augenzeugen-Dokumentation ist im Präsens geschrieben und Harald Beer erscheint hier in der dritten Person. Sachlich und mit vielen Details untersetzt werden seine Leiderfahrungen in den NKWD -Kellern und vor allem im Speziallager Nr. 7/ Nr. 1 in Sachsenhausen geschildert. Kontrastierend dazu sind die Kindheitserinnerungen in der Ich-Form eingewoben als Gedanken, die dem jungen Mann in der Zelle durch den Kopf gehen und für ein paar Minuten die Kälte, den Hunger und die Angst verdrängen mögen.

„Du Faschist!“  beschimpft ihn einer der sowjetischen Vernehmer. Der Autor lässt sich mit der Frage auseinandersetzen, in wieweit er als Teil des NS-Systems eine Mitschuld trägt. Ein Täter war er nicht, Verbrechen hat er nicht begangen. Er war noch zu jung. Gnade der späten Geburt? Der Vorwurf der sowjetischen Besatzung war auch nicht irgendeine Beteiligung am NS-Regime. Er hatte einer Frau, die zu ihren Kindern nach Lübeck wolle, den Weg in die britische Besatzungszone gezeigt. Ob die Frau eine Agentin und er in eine Falle getappt war, hat er nie erfahren. Noch in derselben Nacht wurde er verhaftet. 

Nach seiner Verurteilung zu 5 Jahren Strafarbeitslager durch das Sowjetische Militärtribunal kam er in das Speziallager Nr. 7 (später Nr. 1) nach Sachsenhausen, wo er einen unerbittlichen Überlebenskampf führen musste. Von den 60.000 Menschen, die vom August 1945 bis März 1950 dort inhaftiert waren, starben etwa 12.000, also jeder Fünfte. In anderen Speziallagern kam gar jeder Dritte zu Tode. Harald Beer erlebt das tägliche Sterben seiner Haftkameraden. Er erlebt auch, wie Haftkameraden ihm helfen, als er selbst von der Ruhr befallen seinen Rest an Lebensenergie schon verloren glaubt. Die detaillierte Beschreibung des qualvollen Haftalltags, der totalen Isolation von der Außenwelt, der Willkür durch die Bewacher, der Rechtlosigkeit, Ohnmacht und Angst lassen den Leser erahnen, welch unvorstellbares Leid hier erzeugt wurde.  

Etwa ein Viertel der Inhaftierten waren halbe Kinder, zwischen 15 und 19 Jahre alt.  Sie wurden aufgrund eines fadenscheinigen Verdachts, zum Beispiel als „Wehrwölfe“, einer Denunziation oder einfach durch einen unglücklichen Zufall plötzlich aus ihren jungen Leben herausgerissen und in den „Vorhof der Hölle“ geschickt. Eine NS-Täterschaft hat bei diesen jungen Menschen kaum vermutet werden können. Offenbar galten sie der Besatzungsmacht als potentielles Sicherheitsrisiko und  waren weniger einzuschüchtern.  Die sowjetischen Speziallager dienten nicht nur der Entnazifizierung, wie die Internierungslager in den Westzonen, sondern waren vor allem Terrorinstrument zur Sicherung der stalinistisch geprägten Herrschaft.  Damit sollte Angst und Schrecken unter der deutschen Bevölkerung verbreitet und jeder Widerstand im Keim erstickt werden.

Die in die Rahmenhandlung eingewobenen Erinnerungspassagen machen allerdings darauf aufmerksam, dass es eine Vorgeschichte der Besatzungspolitik gibt. Harald Beer fragt sich, warum er über die Grausamkeiten des NS-Regimes hinweg geschaut hat, sich von der Propaganda einfangen ließ und nicht, wie Hans und Sophie Scholl, mit klarem Blick das Unrecht erkannt und angeprangert hat. Es sind Fragen, die sich durch das Jahrhundert ziehen, das von Kriegen, Terror und Gewalt in extremer Dimension geprägt wurde. Ob die Menschheit aus diesem Grauen Lehren zu ziehen fähig ist, wird genauso leidenschaftlich herbei gesehnt wie es nüchtern bezweifelt werden muss. Wer aber den vorliegenden Bericht liest kann hinter den sachlichen Schilderungen den tiefen, menschlichen Empfindungsreichtum des Autors spüren. Er kann sich dadurch motivieren lassen, alle ideologischen und menschenrechtlichen Strömungen zu allererst danach zu beurteilen, welchen Stellenwert die Würde des Menschen in ihnen einnimmt.

Deshalb wünsche ich diesem Buch möglichst viele Leserinnen und Leser.

 

 

Ulrike Poppe

 

 

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© Harald Beer