Vorwort Prof. Dr. Wolfgang Benz

Historiker

Vorwort

Der Verfasser dieses Buches, 1928 geboren, war 17 Jahre alt, als das NS-Regime zusammenbrach. Kindheit und Jugend des Offizierssohnes waren nicht ungewöhnlich, Hitlerjugend, Kadettenanstalt, Kinderlandverschickung, Soldat des letzten Aufgebotes. Die übliche Begeisterung für den Hitlerstaat war erworben und gepflegt durch Erziehung und Milieu; dem folgten die Nachkriegsmonate mit der Trauer über den Untergang der nationalen Hybris und dem Kampf gegen Hunger, Kälte, Wohnungsnot in einem trostlosen Alltag.

Als angeblicher Spion fällt Harald Beer der Willkür des sowjetischen Geheimdienstes zum Opfer, nach der vermeintliche ‚Werwölfe‘ (die angeblich in einem Guerilla-Krieg den verlorenen Kampf der Nazis gegen die Besatzungsmächte fortsetzten), unbelehrbare Nationalsozialisten, ‚Agenten gegen die Sowjetunion‘, Gegner der forcierten Fusion von Sozialdemokraten und Kommunisten in einer ‚Sozialistischen Einheitspartei‘ von sowjetischen Tribunalen zu Haftstrafen verurteilt wurden. Der Protagonist „Ralf Hänsel“ berichtet als alter ego Harald Beers von der Haft in Schwerin und Magdeburg, in der er auch Soldaten der Roten Armee trifft, die zur Wlassow-Armee desertiert waren, um auf der Seite der Deutschen gegen die Sowjetunion zu kämpfen. Ihnen stand ein grausames Schicksal unter stalinistischem Recht bevor.

Der junge Deutsche hingegen blieb drei Jahre, bis 1950, im sowjetischen ‚Speziallager‘ auf dem Gelände des einstigen Konzentrationslagers Sachsenhausen in Haft.

Zwei Erzähler tragen die Erfahrungen des Autors im Dritten Reich und in der Nachkriegszeit vor: In der Ichform berichtet Harald Beer über seine Kindheit und Jugend im Dritten Reich, in der dritten Person werden die Erlebnisse des „Ralf Hänsel“ in sowjetischer Haft geschildert. Auf zwei Ebenen sind historisches Geschehen und persönliche Erfahrung eines jungen Menschen parallelisiert, um den Zugriff unterschiedlicher totalitärer Ideologien auf einen Menschen zu reflektieren.

Der Text ist ein einzigartiges Dokument der Auseinandersetzung mit dem NS-Regime, weil der Autor sein unverschuldetes Schicksal als jugendlicher Deutscher, die ihn als Mitglied eines Kollektivs willkürlich zum Schuldigen stempelt, zum Ausgangspunkt nimmt, eigenes Verhalten unter der Fragestellung „war auch ich ein Nazi“ kritisch zu betrachten. Das war ungewöhnlich in einer Zeit, in der die Lebenslüge, nichts gewusst zu haben, allenfalls verführt worden zu sein, gepflegt wurde und nationalsozialistische Verbrechen mit den Untaten unter kommunistischer Ideologie aufgerechnet wurden. Dieses Reflektieren der eigenen Rolle unter NS-Herrschaft, in sowjetischer Gefangenschaft und im Kalten Krieg macht das Buch zum wichtigen Dokument der Erinnerung.

 

Wolfgang Benz

Ulan Bator im August 2015.

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© Harald Beer